1986

Die Konzentration ging in diesem Jahr endlich etwas weg von all den Klamottenfragen, aber nur geringfügig. Wenigstens die Hälfte des Jahres beschäftigte sich die Presse jedoch mit Musik.
Mit Black Celebration mischten DM bereits das dritte Album in Berlin ab.
Dave: "Ich kann nicht mehr in England arbeiten. Es ist komisch. Das Studio ist direkt neben der Berliner Mauer, aber niemand von uns war je im Osten. Martin hat's mal versucht, aber sie haben es ihm verweigert. Sie mochten nicht, wie er angezogen war. Dachten, er wäre ein Hooligan." (Martin hatte in der Tat einmal versucht, Ost-Berlin zu besuchen, und es war ihm die Einreise verweigert worden, jedoch wohl kaum, weil die Grenzschützer dachten, er sei ein Hooligan.) "Die Leute denken, wir arbeiten hier, weil es 'wow' ist, viel los, aber ich empfinde das nicht so. Es ist wie ein Vorort. Berlin ist wie Brixton."[1]
Und über den Keller der Hansa Studios sagt er: "Oh ja, es ist ein bisschen verrückt hier, nicht wahr? Ich habe hier unten Shake the Disease gesungen, und ich hatte Angst. Ich hatte komische Geräusche im Kopfhörer, so was wie Wispern, und manchmal kann man auf dem Projektor Schatten sehen. Hier spukt es." Trotzdem waren sie zum dritten Mal in dieses Studio gekommen. "Hauptsächlich, weil wir zu faul sind, um ein anderes Studio zu finden, und wir wissen, dass es, wenn wir hierher kommen, gut werden wird. Es ist eines der besten Studios der Welt. In London zu arbeiten ist schwierig, weil zu viele Leute vorbeikommen, die wir kennen. Wir haben keinen Manager, der sie davon abhalten könnte. Wir vier, wir sind die Manager."[2]

Zu dieser Zeit wurden die Rollen innerhalb der Band klarer definiert, etwas, was nicht immer frei von Konflikten war.
Fletch: "Martin ist der Songwriter, die kreative Kraft der Band. Alan ist der Chefmusiker, der beste Musiker in der Band. Dave ist der Frontmann. Ich denke, er ist der Grund, warum wir live so gut sind. Viele Leute mögen seine Bühnenpräsenz nicht, aber er kann eine Menge zum Kochen bringen, und das kann man nicht ignorieren. Er gibt sich sehr viel Mühe damit, und sein Gesang ist über die Jahre immer besser geworden. Ich bin der Organisator. Da wir keinen Manager haben, übernehme ich all diese Funktionen." (Interessant ist, dass sich Jahre später - als Alan große Teile seiner DM-Sammlung verkaufte - herausstellte, dass es eher er gewesen war, der Listen anfertigte und über alles "Buch führte.") "Ich halte auch die Band zusammen und so was, was sehr wichtig ist, denke ich. Jede Band hat so jemanden."[3]
Alan: "Martin und ich sind für die musikalische Seite zuständig, und wir scheinen uns gut zu ergänzen. Er ist mehr am Songschreiben und an der Melodie interessiert, während ich mich mehr für den Rhythmus und die Produktion interessiere. Martin langweilt sich damit schnell."[4]
Manchmal störte es ihn, dass Martin sich so wenig für diese Seite interessierte, andererseits gab es ihm auch Raum. Gleichzeitig war dies wohl aber auch Grundlage für die späteren Probleme, weil es diesen beiden musikalischen Köpfen mitunter schwerfiel, zusammen zu arbeiten. Manchmal hatten sie auch musikalische Differenzen, allerdings wohl nicht in Bezug auf Black Celebration.

Alan: "Wir haben die Theorie, dass Martin ein fauler Hund ist, der ein ganzes Album an einem Nachmittag schreibt, aber vorgibt, er hätte es nicht. Also kann er stundenlang über andere Sachen nachdenken und macht nichts."[5]
Und: "Die NME sagte mal, wir wären nicht abenteuerlustig genug. Sie sagten, dass wir viel mehr rausholen könnten, dass wir zu faul wären. Bis zu einem bestimmten Punkt ist das wahr, aber es rührt von dem Problem her, dass wir eine Demokratie sind. Wir neigen dazu, Kompromisse zwischen der abenteuerlustigen und der konservativen Seite der Band zu schließen."[6]
Es ist wahrscheinlich, dass er mit der "abenteuerlustigen Seite" sich selbst und Dave meinte und mit der "konservativen Seite" Fletch und Martin.
Die einzige Option, die sie hatten, wenn sie sich überhaupt nicht einigen konnten, war eine "unabhängige Meinung von Leuten einzuholen, die wir respektieren, also Dan Miller, Flood, Jonathan Kessler usw."[7]



Stripped

(Stripped - mit freundlicher Genehmigung von © Steve Mishos)



Das Ergebnis der Kompromisse und Spannungen während der Aufnahmen war zunächst die Single Stripped / But Not Tonight, die am 10.02. veröffentlicht wurde. Neben der Single-Version von Stripped gibt es noch den Highland Mix (von Flood). But Not Tonight wurde als 7"-Mix und als Extended Version veröffentlicht. Die beiden anderen B-Seiten sind Breathing in Fumes und Black Day. Breathing in Fumes ist eine Mischung aus einem Remix von Stripped und einem komplett neuen Song. Er wurde von der Band und Thomas Stiehler abgemischt. Black Day ist eine alternative Akustik-Version von Black Celebration und wurde von Martin, der hier auch die Leadstimme hat, Alan und Daniel Miller geschrieben.

Zum Ärger der Band erschien But Not Tonight in den USA als A-Seite.
Martin: "Die amerikanische Plattenfirma hält uns für eine Disko-Band und veröffentlicht daher gern unsere B-Seiten.[8] Wir haben drei Wochen gebraucht, um Stripped zu perfektionieren, But Not Tonight hingegen war so eine lasche Geschichte, die wir an einem Tag aufgenommen haben."[9]
Alan: "Der US-Markt ist ein ganz anderer als der in Europa oder im Rest der Welt. Ich gebe nicht vor, ihn wirklich zu verstehen, aber wann immer wir ein Produkt 'liefern', werden sie etwas anderes wollen, damit es 'zu ihrem Markt passt'. Ihr Argument ist, dass: 'Wir unseren Markt besser kennen als ihr, also lasst uns entscheiden.' Vielleicht haben sie recht. Man muss auch sagen, dass das Radio in den USA so etwas wie ein seltsames Tier ist, das den Firmen diktiert, was sie zu veröffentlichen haben."
Es heißt, dass Sire Records vorhatte, But Not Tonight als Soundtrack für den Film Modern Girls einzusetzen und daher die Single "umdrehte". Es gab auch ein Video in verschiedenen Versionen dazu, gefilmt von Tamra Davis.
Alan: "Der Hauptteil des Sounds von Stripped basiert auf einem Motorrad im Leerlauf, erzeugt mit einem Original-Emulator, zuzüglich eines tiefen Brummens, erzeugt mit einem Leslie Cabinet. Weitere Sounds waren das Zündungsgeräusch von Daves Porsche 911 und ein Feuerwerk (es war gerade Guy Fawkes Nacht), die Gareth mit ungewöhnlichen Mikrofonen auf dem Studioparkplatz aufnahm. Die Mikrofone wurden in unterschiedlichen Abständen und Höhen platziert, sodass eine Art Surround-Stereoeffekt entstand. Außerdem wurde ein Schlagzeug ausgeliehen und in dem großen Empfangsbereich der Westside Studios", wo dieses Album vorrangig aufgenommen wurde, "aufgestellt. Damit wurden verschiedene Töne aufgenommen, die dann gesampelt wurden."[10]

Stripped wurde häufig missinterpretiert. Vor allem deutsche Teenie-Magazinen schürten das Gerücht, es ginge um Sex, warteten mit Phrasen auf wie: "Sie träumen von nackten Mädchen."
Dave: "Es geht nicht um Sex. Es geht darum, dass man sich selbst nicht akzeptiert. Die Leute in dem Song können das alles abstreifen, wenn sie es wollen."
Fletch: "Die Idee von Stripped ist, für einen Tag von Technologie und Zivilisation wegzukommen, zurückzukommen zur Basis in der Natur. Es geht um zwei Leute, die ihre nackten Emotionen enthüllen. In dem Video demolieren wir ein Auto und zerschlagen einen Fernseher ... es ist ein bisschen, äh, symbolisch."[11]
Die Idee zu dem Video stammte von Regisseur Peter Care, der es in Berlin, ganz in der Nähe der Hansa Studios filmte.
Alan: "Es war erstaunlich. Nur, weil wir in dem Video Autos demolieren ... Briten können es nicht leiden, wenn materielle Güter sinnlos zerstört werden. Wir erhielten viele Beschwerden. Danach wurde vermutlich ein Film gezeigt, in dem jemand der Kopf weggeschossen wurde."[12]


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Am 17.03. wurde das Album Black Celebration veröffentlicht. Es ist das einzige Album, das den gleichen Titel trägt wie ein Song auf dem Album. Die Stimme am Anfang von Black Celebration ist die von Daniel Miller, der "A brief period of rejoicing" [eine kurze Zeit der Freude] sagt. Das Coverbild stammt wiederum von Brian Griffin.
Übrigens: New Dress war anscheinend nie ein Lieblingssong der Band. Sie spielten es nur sehr selten live. Später, nach dem Tod von Prinzessin Diana, wurde es wegen der Zeile Princess Di is wearing a new dress auch nahezu unmöglich. Sie hätten sicherlich eine Menge Beschwerden erhalten.

Einige der Stücke auf dem Album haben sechs oder acht kleine Melodien, die miteinander spielen und sich in einer Art "Techno-Fuge" vereinen, was eine ganz neue Atmosphäre erzeugte.
Alan: "Einige dieser Melodien stammten vom Originaldemotape, andere entstanden im Studio. Dan[iel Miller] und ich fanden oft, dass es zu viele Konter-Melodien gab und nicht genug 'Raum' in der Musik. [...] Das Ungewöhnlichste, was wir wohl je gesampelt haben, war Daniel Miller, der sehr schnell horse sagte. Dies wurde für den Anfang von Fly on the Windscreen verwendet."[13]
Black Celebration (der Titelsong) "klingt etwas morbide", räumt Dave ein, "aber es ist so: Am Ende eines Arbeitstages gehst du aus und ertränkt deine Sorgen, egal, wie Sch**** du dich fühlst oder wie besorgt du in die Zukunft schaust."
Martin: "It Doesn't Matter Two ist sehr verzweifelt. Sehr, sehr morbide. Es gibt einen ganz lustigen Song, Sometimes, der handelt von jemandem, der alles infrage stellt und darin endet, ermüdend und entschuldigend zu werden."[14] Er lacht nervös, denn er ist als autobiografischer Schreiber bekannt und dürfte somit sich selbst beschrieben haben. Oder wie Alan sagt: "Martin ist sehr ehrlich in seinen Songs, nahezu beschämend ehrlich."[15]

Ich wurde von einem Leser gefragt, ob die Zeile "she doesn't trust him, nothing is true, but he will do" (aus World Full of Nothing) im Sinne einer Vergewaltigung zu sehen sei. Obwohl es möglich ist, passt es nicht wirklich zum Rest des Textes. Es ist wohl eher in dem Sinne gemeint, dass er ein bisschen grob ist und nicht auf ihre Gefühle und Reaktionen achtet, wenn er "es" macht. Dies würde zu dem Satz "sie vertraut ihm nicht" passen. Sie ist nicht wirklich bereit für ihren ersten Freund (her first boy), aber er wird sie "antreiben". Es ist jedoch auch möglich, dass es in dem Sinne gemeint ist, dass er, obwohl sie ihm nicht vertraut und ihn nicht wirklich liebt, in dem Moment gut genug ist. Die wörtliche Übersetzung von "he will do" würde dem entsprechen, doch natürlich kann aus Gründen des Rhythmus das "it" weggelassen worden sein.
Da die Hauptzeile des Textes "though it's not love it means something" [obwohl es keine Liebe ist, bedeutet es etwas] lautet, sind beide Interpretationen möglich, vielleicht ist es sogar in beide Richtungen gemeint.
Martin hatte immer ein starkes Interesse daran, woran Leute glauben. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum er sich so sehr für Religion interessiert, ohne selbst religiös zu sein. Er sagte mal, er würde sich wünschen, er könnte an etwas glauben, und er sagte auch, wenn er an etwas glaubt, dann sei es Liebe. Und World Full of Nothing handelt davon, an etwas zu glauben. Beide, Junge und Mädchen, wollen an die Liebe glauben. Deshalb sind sie zusammen, deshalb machen sie "es" und deshalb ist es leicht, "sich fallen zu lassen und es alles zu glauben" (it's so easy to slip away and believe it all), und dennoch ist es keine Liebe.
Weiterhin geht es um ein anderes Lieblingsthema von Martin - die Unschuld der Jugend und wie sie verloren geht, wenn bestimmte Ereignisse eintreten und man älter wird (siehe auch 1987). Daher hat World Full of Nothing auch eine Verbindung zu A Question of Time, in dessen Text er sich um die Unschuld der 15jährigen sorgt.


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Am 29.03. begann die Black Celebration-Tour, die sich in vier Teile gliederte. Der Auftakt lag wieder in Großbritannien, wobei dieses mit 13 Konzerten diesmal deutlich weniger bedacht wurde, kein Wunder, denn das Interesse an DM wurde dort immer geringer, verlagerte sich stattdessen zunehmend ins Ausland. Dieser Abschnitt endete am 17.04. in London.
Dave: "Ich denke, auf dieser Tournee muss sich die Band wirklich zusammenreißen. Wir haben darüber gesprochen, und wir wissen, wir würden sonst eine schlimme Zeit haben. Darin sind wir ganz gut, sonst wären wir nicht mehr zusammen. Wir sind durch eine Menge schlechter Zeiten gegangen. Wir haben keine musikalischen Differenzen, aber als Menschen. Besonders zwischen Fletch und mir. Wir neigen dazu, uns manchmal zu streiten, obwohl wir uns wirklich lieben", (lacht), "aber definitiv nicht auf die schmalzige Art."[16]
Viele Interviews mit anderen Musikern zeigen, dass die meisten Bands in der Lage sind, persönliche Probleme zu kompensieren, solange es keine tief greifenden musikalischen Differenzen gibt. Aber manchmal reicht es dann, sich wegen eines kleinen Details uneins zu sein, um die gesamte Sache zum "Explodieren" zu bringen. Ich denke, dass beides - sowohl persönliche Probleme zwischen den unterschiedlichen Charakteren, besonders zwischen Fletch und Alan, und musikalische Differenzen, besonders zwischen Martin und Alan - in den folgenden Jahre schleichend zunahmen, während ich nicht denke, dass die Diskussionen zwischen Dave und Fletch wirklich "gefährlich" waren. Die Dinge, die ein Projekt letzten Endes zerstören, sind meistens die, die die Mitglieder eines Teams bzw. einer Band zunächst nicht wahrnehmen. Dies ist vermutlich der Grund, warum alle sagten, alles sei zu dieser Zeit prima gewesen.

Fletch: "Die Atmosphäre hinter der Bühne [in Oxford] war leicht angespannt, aber als wir auf die Bühne kamen und herzlich empfangen wurden, war alle Nervosität wie weggeblasen. Das Konzert lief gut, bis auf ein paar kleine Pannen, hauptsächlich, als ich während der Zugabe fehltrat, mich verletzte und fast die gesamte Tournee in Gefahr brachte. Zu meiner Verärgerung erinnern mich die Leute immer noch an diesen Zwischenfall."[17]
In dieser Zeit entwickelten sich DM mehr und mehr zu einer "Live-Macht", obwohl sie im traditionellen Sinne eine recht seltsame Live-Band waren. Auf den ersten Blick erschienen DM wie eine statische Formation mit drei Jungs hinter programmierten Keyboardburgen und einem Frontman, der wie angestochen auf der Bühne herum hopste und nicht immer jeden Ton traf. Trotzdem gingen von ihnen eine Magie und eine Faszination aus, der sich auch sehr kritische Leute nicht entziehen konnten. Es gab wohl niemanden, der auf ein DM-Konzert gehen und hinterher sagen konnte, es habe ihm nicht gefallen, denn die Atmosphäre war einzigartig.
Als Alan DM zum ersten Mal live aus dem Publikum erlebte, zeigte er sich sehr beeindruckt von der Art und Weise, mit der Dave das Publikum kontrollierte. Dies ist eine durchaus zutreffende Beobachtung - und sie traf auch schon 1986 zu.
Im Versuch, einen Vergleich zwischen den damaligen und den heutigen Konzerten zu ziehen, taten sich die Fans, die die früheren Konzerte bevorzugten, schwer, ihren Reiz auszudrücken. Man könnte es mit: "Die recht statische und unnahbare Bühnenpräsenz einer nahezu rein elektronisch arbeitenden Band war etwas, das völlig aus dem Rahmen fiel, sehr beeindruckte, etwas Neues, Einmaliges und Mystisches darstellte" zusammenfassen.

Diesen Eindruck teilt auch die Band selbst, und Martin meint gar, dass dies Dave dabei halt, sich als Frontmann zu entwickeln. "Das gab ihm mehr Raum auf der Bühne, er rannte herum und versuchte, das Publikum einzubeziehen."[18]
45 Prozent der Befragten bei der Fanumfrage von depechemodebiographie.de erklärten weiterhin, dass die "Liveversionen früher kreativer, interessanter und ausgeklügelter" waren, "was natürlich spannender ist."
Eine echte Erklärung ist dies jedoch nicht, zumal diese rätselhafte Magie auch schon in den ganz frühen Tagen von ihnen ausging, als sie noch mit Schlips, Anzug und Tonbandgerät auf der Bühne standen und Dave sich eher wie beim Tanztee bewegte. Von diesem Punkt ausgehend entwickelten sie sich weiter, arbeiteten an visuellen Effekten und schufen immer mehr Atmosphäre.
Mit dem düster wirkenden Black Celebration gewann diese Magie an Kraft, die sich bis hin zur Devotional immer weiter steigerte.



Black Celebration

(Black Celebration - mit freundlicher Genehmigung von © Alessandro Pagni)



Zwischendrin erschien am 14.04. die Single A Question of Lust / Christmas Island. Neben dem 7"-Mix wurden zwei weitere Versionen von A Question of Lust - eine Minimalversion und den Flood Mix veröffentlicht. Die B-Seite, Christmas Island, ein Instrumentalstück, geschrieben von Martin und Alan (es klingt fast so, als hätte Alan es allein komponiert, weshalb man auf die Idee kommen könnte, dass Martin es ursprünglich geschrieben hatte und Alan dann solange daran herumbastelte, dass Martin ihn als weiteren Komponisten nennen musste - aber das ist reine Spekulation), wurde als 7"-Mix und als Extended Version veröffentlicht. Andere B-Seiten waren Remixe von anderen Songs des Albums (eine Instrumentalversion von It Doesn't Matter Two z.B.) und einige Liveversionen.
Das Cover der Single zeigt ein einander küssendes Paar. In einem Teenie-Magazin wurde das Gerücht aufgebracht, es sei Alan, der das Mädchen küsse. Es ist erstaunlich, wie lange sich solche Gerüchte halten, denn ich wurde kürzlich von einem Leser gefragt, ob es Alan sei. - Nein, es war ein Schauspieler, der für diese Fotosession engagiert worden war.

A Question of Lust war eine der seltenen Singles, bei denen Martin der Leadsänger war.
Alan: "Es war immer sehr leicht, zu bestimmen, wessen Stimme am besten zu dem jeweiligen Song passen würde. Generell gesprochen passt Martins Stimme am besten zu Balladen, während Daves Stimme besser zu den raueren Songs passt."
Am Anfang des Videos zu A Question of Lust erscheint Martin nackt vor der Kamera.
Alan: "Wir waren irgendwo in einem Club und wie üblich schaffte Martin es, all seine Kleidung auszuziehen. Der Regisseur Clive Richardson hatte seine Kamera dabei und das war es, was er bekam."[19]

Fast unmittelbar darauf begann am 24.04. mit dem Konzert in Oslo der europäische Teil der Tour, der 24 Konzerte umfasste und am 25.05. in Rüsselsheim endete. Praktisch ohne Pause fügte sich der Übersee-Abschnitt an, der am 28.05. in Los Angeles begann, 29 Konzerte in den USA und drei in Japan beinhaltete und am 23.07. endete.
Dave: "Gegen Ende des europäischen Teils der Tournee war ich sehr depressiv. Ich wollte einfach nur nach Hause. Ich habe viel geschmollt, denn obwohl dies der ideale Job ist, den ich liebe, ist es auch physisch und psychisch anstrengend."[20]
Daher war es hart für ihn, dass sich der Tourabschnitt in den USA praktisch nahtlos an den europäischen reihte. Dennoch hatten sie ihren Spaß in den USA.
Dave: "In Amerika schmeißen sie alles Mögliche auf die Bühne - BHs, Unterwäsche, sogar Schuhe. Nach einem Konzert hatten wir 40 Schuhe auf der Bühne - aber kein einziges Paar! Ich stelle mir vor, wie diese Leute nach Hause gehopst sind!"[21]
Fletch: "Wir haben an Orten gespielt, an denen zuvor noch nie eine elektronische Band aufgetreten war. Vorher traten wir nur an den Orten auf, von denen wir dachten, dass es dort gut laufen würde, an der Ost- und an der Westküste, aber was die Mitte der USA anbelangte, so waren wir auf das Schlimmste vorbereitet. Am Ende war jedoch die gesamte Tour ein voller Erfolg. Wohin wir auch kamen, wollten die Leute unsere Musik hören. Ich denke, sie haben zuvor noch nie eine solche Band gesehen, die ohne Schlagzeug und Gitarren auskommt."[22]
Alan: "Wir gingen auf eine Tournee, die richtig abzugehen schien, besonders in Amerika. Wohin wir auch kamen, wir waren hip, und wir wechselten praktisch schlagartig von kleineren Hallen in die großen Arenen. Von diesem Zeitpunkt an entwickelte sich alles rasend schnell."[23]

Interessant ist, dass das Interesse an britischen (Elektronik- und Pop)Bands zu diesem Zeitpunkt in den USA immer mehr nachließ, nachdem sie dort kurze Zeit zuvor einen kleinen Höhenflug hingelegt hatten. DM starteten dort erst so richtig durch, als englische Bands mehr oder weniger "out" waren und man sich wieder den amerikanischen Rockbands zugewandt hatte. DM eroberten eine spezielle Nische, groß genug, um so etwas wie ein generelles Interesse zu erzeugen und eine große Gruppe Fans zu gewinnen. Allerdings denke ich, dass die treuesten Anhänger in (Ost)Deutschland und Osteuropa zu finden sind, jene Fans, denen es nicht möglich gewesen war, der Band in den frühen Jahren zu folgen. So, als ob die "verbotenen Früchte" die Magie der Band für sie verdoppelt hätten.
Fletch: "Danach ging es nach Japan, wo wir nur Züge, Hotelzimmer und Konzerthallen sahen. Martins Geburtstag fiel auf den letzten Tag dort. Nach einem großartigen Konzert in Tokio waren wir bei einem Fernsehsender, und der Produzent schenkte ihm eine Videokamera." (Eine Aufzeichnung dieser Sendung kann man übrigens auf YouTube finden. Alle singen "Happy birthday" für Martin, und er merkt an, gerade den 20. Kuchen an diesem Tag bekommen zu haben.) "Meine Gedanken wanderten zurück zu meinem Geburtstag drei Wochen zuvor, den ich krank im Bett in Vancouver verbracht hatte. Die Welt-Tour war nun fast zu Ende. Während das Equipment von Japan zurückgebracht wurde, hatten Alan und Martin einen kurzen Aufenthalt in Bali. Dave und ich hatten etwas Heimweh und fuhren nach Hause. Der letzte Teil der Tournee führte durch Südeuropa, wo wir von schlechtem Wetter geplagt wurden. Das Konzert in Bordeaux musste sogar wegen Regens abgesagt werden."[24]


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Während die allgemeine Musikwelt DM immer mehr als "düster" bezeichnete, hatte die Band ihren Spaß und war recht selbstironisch.
Dave: "Als Live-Band sind wir sehr laut. Wir übertrumpfen Motörhead - aber darum geht es, es ist die Macht des Rock 'n' Roll! Wir haben uns nie als Rock 'n' Roll-Band bezeichnet, aber alles, was wir tun, hat damit zu tun. It's Called a Heart war Rock 'n' Roll, Mann." (lacht).[25]
Martin: "Auf eine subtile Art korrumpieren wir die Welt. Wenn man sich selbst als Popband bezeichnet, kommt man mit allem durch."[26]
Und noch eine seiner Theorien: "Vier Leute ist die richtige Anzahl für eine Popgruppe. Die Geschichte gibt mir recht. Fünf Leute sehen falsch aus und drei dumm. Vier sieht stark aus."[27] (Man sollte sich diese Aussage für später merken ...)

Schon während dieser USA-Tour begann die Band, in die "Party-Falle" zu geraten, und sie fingen tatsächlich an, ein "Rock 'n' Roll-Leben" zu führen.
Alan: "Es ist aufregend, die Möglichkeit zu haben, so viele verschiedene Länder zu besuchen und neue Leute kennenzulernen, aber ständiges Reisen und das Leben in Hotels kann dich auch runterziehen. Auch ist es auf den ersten Blick toll, dass dir alle alles zu Füßen legen - in Clubs, Restaurants, man bekommt dort einfach alles. Die andere Seite der Medaille ist, dass man sich zu leicht mitreißen lässt und man schnell den Kontakt zur Realität verliert. Es ist wahr, dass man auf Tour wie in einer Seifenblase lebt. Je länger die Tour geht, umso langweiliger wird es, jede Nacht das Gleiche zu spielen. Ich empfand es auch immer als eine Art surreales Erlebnis, auf der Bühne zu sein - manchmal war ich mit meinen Gedanken ganz woanders, während mein Körper auf Autopilot geschaltet war.
Ein gewöhnlicher Tag auf der Straße ist: Hotel verlassen um 13 oder 14 Uhr, zum Flughafen fahren, mit einem Privatjet zur nächsten Stadt fliegen. Ankunft gegen 16 Uhr. Von dort direkt zum Soundcheck, um 18 Uhr ins Hotel, wenn noch Zeit ist, kurz in die Sauna oder in den Fitnessraum, ab zum Konzert um Viertel vor acht, auf die Bühne um 20:30 oder um 21 Uhr. Wenn man dann von der Bühne kommt, ist es 23 Uhr, und man ist hellwach. Man braucht zwei Stunden zum Umziehen und Plaudern und trinkt ein, zwei Bier. Inzwischen ist es ein Uhr morgens und man will nur noch ausgehen. Ehe man es wirklich merkt, hat man die ganze Nacht hindurch getrunken, und es ist sieben Uhr morgens. Im Verlauf einer Tour konditioniert man sich so sehr auf diesen Lebensstil, dass man ständig nachts wach ist und trinkt, ohne sich jemals betrunken zu fühlen. Dies wird dann so normal, dass es einem selbst gar nicht ausschweifend vorkommt."[28]

Dies ist der typische Lifestyle nahezu jeder Band auf der Welt. Ich habe Tausende von Interviews mit verschiedenen Musikern gelesen, und exakt diese Beschreibung ist mir Hunderte von Malen untergekommen.
Ein Musiker beschrieb es gegenüber depechemodebiographie.de mit: "Die Sache war doch einfach die: Ich kam zur Probe - erst mal 'n Bier trinken ... Wir setzten uns in den Tourbus: Zisch! Wir sind vor der Halle angekommen: Zisch! Soundcheck ... After Show Party ... Und ehe du es dich versiehst, bist du in einem Kreislauf gefangen, der für dich zwar die Normalität darstellt, der aber durchaus in der Alkoholabhängigkeit enden kann."
Und ein anderer mit: "Es ist leicht, einen ausschweifenden Lebensstil zu führen. Ich trank schon auf der Bühne einen halben Kasten Bier, um danach die ganze Nacht zu feiern, mir so viel Pulver wie möglich durch die Nase zu blasen und am nächsten Abend wieder ganz von vorne anzufangen. So ein Leben hat eine kurze Halbwertzeit: Entweder landest du im Knast, du stirbst - oder du kriegst den Sch*** in den Griff!"
(Diese Interviews waren anonym.)
Aber ehe man die Schattenseiten dieses Lebensstils registriert, hat man natürlich erst einmal Spaß daran - und zu dieser Zeit hatten DM definitiv Spaß daran ...


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Nur wenig später absolvierte die Band vom 04.08. bis zum 16.08. mit sieben Konzerten einen kurzen zweiten europäischen Teil, der bis auf das Abschlusskonzert in Kopenhagen hauptsächlich in Italien stattfand.
Dave: "Es ist schön, in dieser Jahreszeit hierher zu kommen, aber es ist Chaos! Das ganze Land ist ein totales Chaos!"
Martin: "Die Leute sind nett hier und alles, aber sie sind berühmt für ihre schlechte Organisation. Meistens stimmen die Klischees über Länder nicht, aber in Italiens Fall ist es leider wahr." (lacht).[29]
Alan: "In Italien kann alles passieren. Das letzte Konzert haben wir in einem Zelt gespielt. Es regnete, und es war überall Kondenswasser auf den Keyboards! Ein anderes Mal verlief das Hauptstromkabel quer durch das Publikum, und als wir beim letzten Song waren, trennte jemand das Kabel durch. Alles war stockdunkel."
Fletch: "Oh ja, und erinnert ihr euch an diese italienische Fernsehsendung? Sie sagten uns, wir wären in einer Minute dran, am Ende mussten wir 13 Stunden warten."
Dave: "Da war dieser Typ, der sich über unsere Frisuren lustig machte. Ich sagte: 'Nun, zumindest haben wir welche.' Er trug nämlich ein Toupet. Und als er Martin fragte: 'Junge oder Mädchen?' haben wir ihn verhauen. Wir wurden rausgeschmissen ..."[30]
Das stimmt definitiv nicht. Man kann sich dieses Interview auf YouTube ansehen. Der Moderator fragte Martin in der Tat, ob er ein Junge oder ein Mädchen sei, aber verhauen haben sie ihn nicht, (zumindest nicht vor laufenden Kameras).

Zwischendrin erschien am 11.08. die Single A Question of Time. Neben der 7"-Single-Version, die ein etwas höheres Tempo hat als die Albumversion, wurden noch weitere Versionen veröffentlicht, den Extended Remix (von Phil Harding), den New Town Mix (von Rico Conning) und den Live Remix. Es gab keine B-Seite in dem Sinne, dafür einige Remixe von anderen Album-Songs (den Black Tulip Remix von Black Celebration z.B.) und einige Live-Versionen, die am 10.04.1986 in Birmingham aufgenommen worden waren.
A Question of Time war größtenteils in den Hansa Studios aufgenommen worden, die den Song "mit ihrem einzigartigen Ambiente prägten", wie Alan sagt. "Es ist schwierig zu sagen, welchen Effekt das Studio auf den Song hatte, aber Hansa hatte definitiv einen gewissen Einfluss darauf. Obwohl wir sonst zumeist ganz oben im Gebäude in Studio 4 arbeiteten, liehen wir uns den Hauptaufnahmeraum von Studio 2 aus, um dort ein 2K PA-System aufzustellen, durch das wir verschiedene Töne jagten. Dies passierte zum großen Ärger des Besitzers des Hansa Cafés, der nun drei Tage am Stück Geräusche wie von einem Presslufthammer ertragen musste. Ich will nicht wissen, was er uns dafür ins Essen gemischt hat ..."[31]

A Question of Time war das erste Video, bei dem DM mit Anton Corbijn zusammenarbeiteten, der ihr Image entscheidend prägen und verändern sollte. Mit Corbijn verlor die Band ihr naives Image. Sie waren nicht länger eine "junge, poppige Boyband, die vielleicht schwul sein könnte." Ihre Musik wurde erwachsener, und Corbijn verpasste ihnen einen düstereren, maskulineren Stil. Manchmal verlieh er ihnen sogar etwas Machohaftes (besonders in den späteren Videos wie Personal Jesus.)
Martin: "Wir hatten schon eine ganze Weile versucht, mit Anton zu arbeiten, aber er war nicht daran interessiert gewesen. Er fand, dass wir zu sehr eine Pop-Band waren, und er mochte das, was wir machten, nicht besonders. Es war so etwa der dritte Versuch, als wir ihm A Question of Time schickten und fragten, ob er dafür ein Video machen würde. Und endlich mochte er einen unserer Songs.[32] Wir hatten eine Menge schlechte Erfahrungen mit Videos aus den früheren Tagen. Ich denke, dass die Regisseure reinkamen, sahen, wie jung und naiv wir waren und sich dann sagten: 'Lasst uns mal sehen, wie dumm wir sie erscheinen lassen können und wie weit sie damit kommen.'"
Dave: "Mit Videos fühlten wir uns nie wohl. Wir standen immer im Hintergrund, und hinterher sagten wir: 'Urrrgh, das sieht wirklich schlecht aus, oder?' In dem Moment, in dem wir anfingen, mit Anton zu arbeiten, wussten wir, dass wir den Richtigen gefunden hatten."[33]
Fletch: "Früher war es immer eine Art Lotterie, wie das Video wohl ausfallen würde. Es war frustrierend, weil wir wussten, dass wir keine Kontrolle darüber hatten. Wirklich, bis zu dem Tag, an dem wir Anton Corbijn trafen, sahen wir manchmal okay aus und manchmal schrecklich. Wir hatten kein einheitliches Image. Wir sahen nicht wie eine einheitliche Band aus. Als wir anfingen, mit Anton zu arbeiten, fingen wir auch plötzlich an, wie eine coole Band auszusehen."[34]
Dann lag der Fokus des Videos jedoch hauptsächlich auf Alan: "Ich kann mich nicht mehr wirklich an die Umstände erinnern, aber es kann sein, dass ich der Einzige war, der es schaffte, rechtzeitig aufzustehen. Der Drehort lag zwei Stunden von L.A. entfernt, und ich glaube, der Dreh fand direkt nach einem Konzert statt. Regisseure bestellen dich immer um 5 Uhr morgens zum Dreh, einfach, um dich zu ärgern. Später hatten wir dann mit den Babys zu kämpfen, ehe sie das machten, was angedacht war. Da waren Mütter, Windeln, Fläschchen, Spielzeug - jede Menge Chaos."[35]

Dazu, wer mit der 15-Jährigen in A Question of Time gemeint sei, sagt Martin: "Nun, hmmmmm, ja, es geht um eine bestimmte Person. Punkt, kein Kommentar." (lacht)
Dave: "Ich denke, es ist mehr eine Beobachtung ... wie ... äh, also, es beschreibt nur, was mit einer Person passieren wird, ein junges, attraktives Mädchen, das unschuldig ist, und sich dann offensichtlich verändert, wenn wir Kerle sie in die Hände kriegen."
Genau in dem Moment taucht eine Horde Teenager auf, und eines der Mädchen bittet darum, Dave auf die Wange küssen zu dürfen.
"Nein, nein", sagt er, bevor er dann doch nachgibt: "Oh, na schön."[36]



A Question Of Time

(A Question Of Time - mit freundlicher Genehmigung von © Camilo Rueda López)



Am 18.08. erschien mit 1 + 2 eine Mini-EP von Alans soeben gegründeten Soloprojekt Recoil. Nach Herkunft und Bedeutung des Namens gefragt, antwortet er 1989 schlicht: "Aus dem Wörterbuch."[37]
2010 beantwortet er die gleiche Frage weit weniger ironisch: "Es ist das, was passiert, wenn du ein Gewehr abfeuerst und dich der Rückstoß zurückschleudert. Das ist (ein) Recoil (Rückstoß). Und ich fand, dass es gut wäre, wenn Musik einen solchen Effekt auch auf die Zuhörer hat. Man will als Musiker nicht, dass die Musik einfach über die Leute hinweg spült und keinen Effekt auf sie hat. Aus diesem Grund mag ich dieses Wort. Aber davon mal abgesehen gab es keinen echten Grund dafür. Es klang zu dieser Zeit einfach gut für mich."[38]
Zur "Geburt" von Recoil erklärt er: "Ich betrieb zu Hause ein paar Spielereien mit Samples und nahm diese auf Kassette auf. Sampling war zu der Zeit brandneu, und es war aufregend für mich, mich damit zum Spaß außerhalb der Band zu beschäftigen.[39] Ich hatte eine Demokassette, die ich mit einem vierspurigen Mischpult aufgenommen hatte. Schließlich spielte ich Daniel die Kassette vor. Er fragte, ob ich das überarbeiten könnte, doch es endete darin, dass wir die Songs praktisch so veröffentlichten, wie sie waren. Ich hatte keine Zeit, das vernünftig aufzunehmen.[40] Wir hatten das Gefühl, dass es gut wäre, so etwas herauszubringen, und zu diesem Zeitpunkt war es wirklich ein Nebenprojekt, sodass ich keine hohen Ansprüche daran stellte."
Der Rest der Band nahm das Projekt zunächst nicht sonderlich zur Kenntnis.
Alan: "Sie sagten nicht viel dazu. Und zu Beginn war ich damit auch sehr zurückhaltend. Schließlich war die erste Veröffentlichung nicht mehr als ein Demo. Ich hatte nicht den Eindruck, als würde sie das sehr interessieren."[41]
Dies änderte sich auch mit den folgenden Veröffentlichungen nicht, aber später wurde klar, dass alle verbliebenen Mitglieder Recoil-Platten hören. So zeigte Dave sich viele Jahre später sehr beeindruckt von Alans Musik, Fletch erwähnte mal, dass er Liquid mögen würde, und es gibt eine Aufnahme von einer "Hotel-Session", auf der Martin In Your Room singt und dann den Refrain von Control Freak (von Unsound Methods, 1997) anfügt - you're all I need to get high. Vielleicht war das von ihm ironisch gemeint, denn immerhin war er es, der Alan einen Kontrollfreak genannt hatte, aber nichtdestotrotz hat er sich dieses Album angehört.



Während ich auf Anfragen bezüglich einer Erlaubnis zum Einfügen von Ausschnitten aus Depeche-Mode-Songs nie eine Antwort erhalten habe, erlaubte Alan mir dies in Bezug auf Recoil-Songs.
Dies ist ein Ausschnitt aus "2":

(mit freundlicher Genehmigung von © Recoil / Alan Wilder)



1986 war ein Jahr der eher missglückten Interviews. So gab es eines, in dem Dave die Reporterin einfach zutextete. Sie kam gar nicht dazu, ihre Fragen zu stellen, sondern bekam Dinge wie diese zu hören: "Ich war sehr betrunken nach dem letzten Konzert und kam nicht vor vier am Morgen zurück ins Hotel. Dort lag ich auf dem Bett, bis ich plötzlich pinkeln musste. Ich ging ins Bad und schlief auf dem Klo ein. Nach etwa einer Stunde versuchte ich, aufzustehen, aber ich rutschte auf einem Handtuch aus und fiel in die Dusche ... Ich schrie nach Jo, die mich zurück ins Bett brachte. Ich sah meinen Knöchel an und starb beinahe, als ich seine Größe sah. Er war wie ein Elefantenfuß. Riesig. Er tut noch immer weh ..."[42]
Und natürlich sollte jetzt niemand glauben, dass deswegen ein Konzert abgesagt worden wäre. Egal, welche Viren und Verletzungen auch durchs Bandlager huschen mochten - die Show musste weitergehen.
Alan: "Und schon gar nicht kann man mal eben ein Konzert absagen, weil man müde ist. Außerdem - einmal auf der Bühne hilft einem ein natürlicher Adrenalinstoß dabei, die Sache durchzustehen."[43]
Dave: "Du würdest nicht glauben, wie viel Geld ich für Klamotten ausgebe. Heute sind mir die Lederhosen ausgegangen, weshalb ich weiße Baumwollhosen tragen musste. Ich bin jede Nacht so durchgeschwitzt, und das Leder wird hart. Nach fünf Konzerteb sind sie ruiniert. Heute wäre ich fast ausgerutscht, weil die Bühne so nass war."[44]
Und falls jemand glauben sollte, er würde sich selbst um seine Garderobe kümmern - Alan: "Jedes Bandmitglied hat eine Tourgarderobe und eine Person, die sich darum kümmert, damit jedes Bühnenoutfit rechtzeitig gewaschen wird und zum Anziehen bereitliegt usw."[45]

Im folgenden Interview ging es ursprünglich um etwas ganz anderes, was Dave und Fletch aber nicht weiter kümmerte.
Dave: "Ja, ich habe Pläne, Kinder zu haben. Ich werde alles versuchen. Und ich bin in einer Position, gut für sie sorgen zu können, was nicht bedeutet, dass ich sie auf eine Privatschule schicken werde. Ich will, dass sie ganz normal aufwachsen."
Fletch: "Ich bin 24. Ich habe oft den Wunsch - Kinder zu haben und so - aber meine Freundin hat gerade ihre Karriere begonnen und will das nicht unterbrechen."
(Die Rede ist von seiner späteren Frau Grainne, mit der er auch heute noch verheiratet ist.)
Dave: "Manche Leute widmen sich so sehr ihrem Beruf, dass alles andere unwichtig wird, aber ich denke, das ist eine sehr begrenzte Sichtweise. Zum Beispiel unser Ingenieur, er hatte gerade eine Vasektomie, und er ist sehr jung. Ich finde das ziemlich dumm." (Und ich finde es unmöglich, dass du das jedem erzählst :D) "Warum denn nicht das Baby mit ins Büro nehmen? Was ist daran falsch?"
Fletch: "Sei nicht so dumm."
Dave: "Wenn es bedeuten würde, ich müsste meine Karriere für ein Baby aufgeben, dann würde ich das tun, weil ich denke, ein Kind würde meinem Leben etwas hinzufügen, was andere Dinge dagegen gering erscheinen lässt."
Dann schwenkten sie auf ein anderes Thema um, immer noch weit entfernt von dem, um was es eigentlich gehen sollte.
Dave: "Ich denke, wenn man Geld hat, ist es falsch, sich schuldig zu fühlen, wenn man es ausgibt. Ich habe immer das ausgegeben, was ich hatte, egal, ob es ein Fünfer war oder 500."
Fletch: "Das ist eine lächerliche Aussage. Du musst sichere Anlagen haben, Dave, und du musst irgendwo eine Grenze ziehen. Ich persönlich denke, die Riesensumme, die Martin gerade für sein neues Sofa ausgegeben hat, ist total dumm."
Dave: "Aber, Fletch, man muss das Leben genießen."
Fletch: "Das mache ich."
Dave: "Ich weiß, aber man lebt nur einmal, und es dumm, das Geld auf der Bank verschimmeln zu lassen."
Fletch: "Ja, Dave, aber alles hat seinen Preis ..."
Dave: "Ich schaue oft nicht auf die Preise."
Fletch: "Sicher, aber ..."[46]
Vermutlich ist dies ein Beispiel dafür, was Dave meinte, als er sagte, Fletch und er neigten dazu, sich zu streiten. Wie man sehen kann, ist es nicht wirklich ernst. Sie sind einfach verschiedene Charaktere mit unterschiedlichen Meinungen, die dazu neigen, aneinander vorbei zu reden (woran sich auch später nicht viel geändert haben dürfte.)


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Ansonsten ging es tatsächlich mal wieder um Martins Klamotten. Wer hätte das gedacht? Warum er denn bei einer Zugabe einen BH mit je einer Dose Lager auf jeder Seite getragen habe? (Und wieso fragt der Reporter so was überhaupt?)
Martin: "Es ist nur etwas, was ich mag, es bringt mich zum Lachen. Ich lache, wenn ich in den Spiegel schaue, andere Leute lachen, wenn sie mich sehen, und ich mache die ganze Welt glücklich!" (lacht).
Dave: "Und es bringt Leute zum Weinen, besonders Fletch. 'Du kannst das nicht tragen, oh Gott!', sagt er bei jedem neuen Kleidungsstück, und es ist immer ein großes Event, weil wir uns fragen, was Martin dieses Mal anziehen wird."
Martin lacht laut. "Vor ein paar Jahren in Frankreich, wo wir nie sehr viel Erfolg hatten, zog ich dieses Zeug in der Garderobe an, als wir diese Fernsehshow machten, und Fletch sah mich an und sagte: 'Mart, wir werden nie was in Frankreich reißen, wenn du so aussiehst!' Dann hatten wir dort plötzlich große Hits. Das war es, was den Ausschlag gegeben hat!"[47]

Legendär das Interview, das Martin auf der Wienerstraße in Berlin gab, auf dem Asphalt liegend, während die Reporterin gern etwas über Martins Ambitionen als männlicher Stripper erfahren wollte ...
Fletch: "Wenn er weiter trinkt, könnte er strippen!"
Martin: "Es ist nichts, was ich tun wollte, als ich jünger war. Aber als ich ... Es ist etwas, was gefährlich ist, weil es immer falsch verstanden wird. Ich habe keine großen Ambitionen, ein Stripper zu sein, aber ich mag strippen."
Wie wäre es denn gleich hier?
Martin: "Es geht nicht darum, ein Exhibitionist zu sein. Ich würde mich nicht vor Woolworth in Berlin ausziehen, es ist einfach nicht der richtige Ort, um es tun."
Dann fragt sie auch noch nach dem Leder ...
Martin: "Ich liebe es, Leder zu tragen. Ich liebe es, schwarz zu tragen ... und ich liebe die Idee, gefesselt zu sein, weil ... ich mag das Gefühl der Hilflosigkeit, und das ist der einzige Grund. Ich bin nicht auf Schmerz aus ... Nun, es geht um Peitschen und Ketten, aber es ist nicht ... wie in den meisten meiner Songs hasse ich es, etwas direkt zu beschreiben. Ich mag es, Songs zu schreiben, die von etwas Bestimmtem handeln könnten, aber in Metaphern. Ich hasse es, meine Songs zu beschreiben, denn wenn man es versucht und sie in wenigen Worten beschreibt, beschreibt man sie nie ganz. ... Manchmal schreibe ich ein paar Zeilen und bin nicht sicher, wovon sie handeln. Ich weiß nicht genau, was ich zu sagen versuche, aber sie passen genau zur Atmosphäre des Songs und zur Musik. ... Ich hasse Interviews, weil ich es schwierig finde, natürlich zu wirken. Ich hasse es auch, sie zu lesen. Das ist ein Grund, weshalb ich es nicht mag, sie zu machen. ... Ich verurteile Journalisten deswegen nicht, ich verurteile mich selbst dafür, was ich sage. Ich weiß, es ist wirklich schlecht. Es ist eine Frage von ... Ich denke, wenn ihr uns interviewt, ist das meiste, was ihr kriegt, Müll. Ich weiß, wenn du mich interviewst, hörst du eine Menge Zeug, das dich nicht interessiert ..."[48]
Die Reporterin dachte vermutlich, sie hätte etwas über Martins Persönlichkeit erfahren, aber dieses Interview ist ein gutes Beispiel für Martins Humor und seine Art, mit Leuten umzugehen, die zu neugierig werden.

Da wir gerade bei lustigen Dingen sind ... hier sind zwei kleine Highlights:
Dave: "Ich nehme an, A-Ha wird allen Bands die Mädchen aus dem Publikum klauen, weil sie so gut aussehen. Das Problem ist, dass sie wahrscheinlich komisch sprechen."
Fletch: "Sie sprechen vermutlich besser Englisch als du!"
Dave: "Blödsinn. Ich wette, das können sie nicht."[49]
(Doch, Dave, Fletch hat da leider recht ... A-Ha sprechen sehr gut Englisch, während es manchmal eine Qual war, dich zu übersetzen ... ;-))

Fletch: "Zu Beginn dieses Projekts habe ich viele Vitamine genommen, aber sobald ich aufhörte, sie zu nehmen, wurde ich krank. Ich sage nicht, dass es was damit zu tun hat, aber ich war die letzten anderthalb Wochen krank, versuchte, die Krankheit abzuschütteln. Das ist aber immer noch besser als unter Verstopfung zu leiden, das ist das Schlimmste!"
Dave: "Toilette ist eines seiner liebsten Themen. Das ist alles, worüber er jemals spricht!"
Fletch: "Nun, es ist eine seltsame Sache. Ich meine, man macht es im Privaten ..."
Dave: "Du solltest ihn über Toilettenstyling interviewen ..."
Martin: "Kann ich für zwei Sekunden unterbrechen? Die brauchen den Videotitel JETZT! Ich dachte an etwas, was ich nicht besonders mag: Some Great Videos."
Fletch: "Ja, weil einige unserer Videos sehr schlecht sind, ist es nicht The Videos, also alle, sondern nur ein paar davon."[50]
Some Great Videos wurde am 22.09. veröffentlicht.
Ansonsten machte die Band für den Rest des Jahres eine kleine Pause, wenngleich diese nicht sehr lange währte.






Quellenangaben:
[1] Entnommen aus: Back to the Wall, No. 1, 22.02.1986. Autoren: Max Bell / Mark Booker.
[2] Entnommen aus: I Love the Idea of Wearing Leather and I Love the Idea of Being Tied up, Because I Love the Feeling of Helplessness ..., Record Mirror, 08.02.1986. Autor: Nancy Culp.
[3] Entnommen aus: Depeche Mode: The Interview, Talking Music SPEEK013, 1988. Interviewer: unbekannt.
[4] Entnommen aus: Basildon Bond, Blitz, April 1986. Autor: Bruce Dessau.
[5] Entnommen aus: Back to the Wall, No. 1, 22.02.1986. Autoren: Max Bell / Mark Booker.
[6] Entnommen aus: Basildon Bond, Blitz, April 1986. Autor: Bruce Dessau.
[7] recoil.co.uk
[8] Entnommen aus: Celebrity Squares? Sounds, 26.04.1986. Autor: Dave Henderson.
[9] Entnommen aus: Devout Moded, Vox, Februar 1993. Autor: Martin Townsend.
[10] recoil.co.uk
[11] Entnommen aus: Back to the Wall, No. 1, 22.02.1986. Autoren: Max Bell / Mark Booker.
[12] Entnommen aus: Basildon Bond, Blitz, April 1986. Autor: Bruce Dessau.
[13] recoil.co.uk
[14] Entnommen aus: Back to the Wall, No. 1, 22.02.1986. Autoren: Max Bell / Mark Booker.
[15] Videointerview während der Masses-Tour 1988, Medium und Interviewer unbekannt.
[16] Entnommen aus: "I Love the Idea of Wearing Leather and I Love the Idea of Being Tied up, Because I Love the Feeling of Helplessness ..., Record Mirror, 08.02.1986. Autor: Nancy Culp.
[17] Entnommen aus: Information Service newsletter, September 1986. Autor: Andrew Fletcher.
[18] Entnommen aus: My interview with Depeche Mode, 29.01.2010. Autor: Oyvindholen.
[19] recoil.co.uk
[20] Entnommen aus: Yes, it's Two Typical Days on Tour with Depeche Mode, Smash Hits, 27.08.1986. Autor: Ro Newton.
[21] Entnommen aus: One of those Days ..., Smash Hits, 26.03.1986. Autor: Chris Heath.
[22] Entnommen aus: Information Service newsletter, Dezember 1986. Autor: Andrew Fletcher.
[23] Entnommen aus: The Story Of Depeche Mode, BBC Radio London Live94.9, 07.05.2001. Produzent: Tony Wood.
[24] Entnommen aus: Information Service newsletter, Dezember 1986. Autor: Andrew Fletcher.
[25] Entnommen aus: Depeche Mode's Kinky Moods, Creem, Juli 1986. Autor: Dave Keeps.
[26] Entnommen aus: If You Call Yourself a Pop Band You Can Get Away With Anything, Record Mirror, 23.08.1986. Autor: Andy Strickland.
[27] Entnommen aus: Back to the Wall, No. 1, 22.02.1986. Autoren: Max Bell / Mark Booker.
[28] recoil.co.uk
[29] Entnommen aus: If You Call Yourself a Pop Band You Can Get Away With Anything, Record Mirror, 23.08.1986. Autor: Andy Strickland.
[30] Entnommen aus: Yes, it's Two Typical Days on Tour with Depeche Mode, Smash Hits, 27.08.1986. Autor: Ro Newton.
[31] recoil.co.uk
[32] Entnommen aus: My interview with Depeche Mode, 29.01.2010. Autor: Oyvindholen.
[33] Entnommen aus: Interview with Depeche Mode, The Videos 86>98, Mute MF033 and Videos 86>98+, Mute MF042. Regisseur: Sven Harding.
[34] Entnommen aus: My interview with Depeche Mode, 29.01.2010. Autor: Oyvindholen.
[35] recoil.co.uk
[36] Entnommen aus: If You Call Yourself a Pop Band You Can Get Away With Anything, Record Mirror, 23.08.1986. Autor: Andy Strickland.
[37] Entnommen aus: Ask Alan, Bong 6, July 1989. Autor: Alan Wilder.
[38] Entnommen aus: Recoil in Bucharest, depechemode.ro. 2010. Autor: Otiliei Haraga.
[39] recoil.co.uk
[40] Entnommen aus: Unsound Recordings, Sound On Sound, Januar 1998. Autor: Bill Bruce. [41] recoil.co.uk
[42] Entnommen aus: Yes, it's Two Typical Days on Tour with Depeche Mode, Smash Hits, 27.08.1986. Autor: Ro Newton.
[43] recoil.co.uk
[44] Entnommen aus: Yes, it's Two Typical Days on Tour with Depeche Mode, Smash Hits, 27.08.1986. Autor: Ro Newton.
[45] recoil.co.uk
[46] Entnommen aus: From Lads to Dads, Just Seventeen, 19.03.1986. Autor: Jenny Tucker.
[47] Entnommen aus: If You Call Yourself a Pop Band You Can Get Away With Anything, Record Mirror, 23.08.1986. Autor: Andy Strickland.
[48] Entnommen aus: I Love the Idea of Wearing Leather and I Love the Idea of Being Tied up, Because I Love the Feeling of Helplessness ..., Record Mirror, 08.02.1986. Autor: Nancy Culp.
[49] Entnommen aus: Back to the Wall, No. 1, 22.02.1986. Autoren: Max Bell / Mark Booker.
[50] Entnommen aus: Depeche Mode's Kinky Moods, Creem, Juli 1986. Autor: Dave Keeps.



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