1994

In Your Room war die letzte Singleauskopplung des Albums und erschien am 10.01. Die Single-Version von In Your Room ist der Zephyr Mix (von Butch Vig mit zusätzlicher Gitarre von Doug Erikson). Sie unterscheidet sich radikal von der Album-Version. Als weitere Versionen des Songs wurden der Apex Mix (von Brian Eno und Markus Dravs), der Jeep Rock Mix (von Johnny Dollar und Portishead), der Extended Zephyr Mix und eine Live-Version veröffentlicht. B-Seiten waren der Adrenaline Mix von Higher Love (von François Kevorkian und Goh Hotoda) sowie Live-Versionen von anderen Songs.

Martin: "Die schlimmste Erinnerung bei In Your Room ist das Video dazu. Wir haben einen ganzen Tag im Studio verbracht, und wir hatten zwar Mittagessen, aber ich aß gerade mal ein halbes Sandwich oder so. Wir waren um acht fertig und gingen zurück ins Hotel, und ich vergaß, zu essen. Wir gingen in die Bar, und ich aß nichts ... Wir gingen in einen Club,[1] wo wir einen Typen trafen, der mir etwas Stoff gab, und ich war die ganze Nacht wach, so bis 9 oder 10 Uhr morgens. Um 12 hatten wir ein Bandmeeting, und ich schlief eine Stunde. Dann musste ich aufstehen, und ich habe mich noch nie in meinem Leben so schrecklich gefühlt. Ich kroch regelrecht zu dem Meeting, musste mich dort auf den Boden legen und brachte nicht mehr als 'ja' oder 'nein' zustande.[2] Und dann hatte ich eine Art epileptischen Anfall. Wann immer ich also dieses Video sehe, denke ich: 'Oh, Gott ...' Es bringt schreckliche Erinnerungen zurück."[3]
Wie schon in dem Artikel von 1993 angedeutet, hatte Martin auf der Tour mehrere solcher Anfälle sowie Panikattacken.
Das Video zu In Your Room wurde von MTV Amerika wegen seines SM-Bezugs übrigens nicht ausgestrahlt, und Anton Corbijn schnitt Auszüge aus älteren Videos hinein, weil er glaubte, es würde das letzte Video mit Dave sein. Er schien sich also besser mit der Drogenproblematik auszukennen und erkannte, in welch schlechtem Zustand Dave war.
Alan: "Auf die eine oder andere Weise erreichten wir immer einen Konsens darüber, welche Songs auf die Liste der potentiellen Singles sollten. So war zum Beispiel Higher Love auf dieser Liste, aber wurde dann doch nie eine SOFAD-Single, und es gab unterschiedliche Meinungen darüber, in welcher Reihenfolge die Singles erscheinen sollten. Dave war der Überzeugung, dass Condemnation die erste Single sein sollte, wurde aber überstimmt. Ich wollte Walking in My Shoes als zweite Single und bekam Recht, aber ich wollte wirklich die Originalversion von In Your Room [und nicht den Zephyr Mix.] Das ist ein gutes Beispiel für die Probleme einer Demokratie - einer wird immer enttäuscht sein."[4]

Ich bin sehr oft nach der Bedeutung des Textes von In Your Room gefragt worden. Das ist eine schwierige Frage. Einerseits scheint die Bedeutung auf der Hand zu liegen, denn der Text hat einen recht eindeutigen BDSM-Bezug. "Dein Lieblingssklave" befindet sich in den Händen einer Person, deren Wille absolut ist. Was die Fans verwirrt, ist, dass Martin mal gesagt hat, der Song handele davon, im Zimmer eines Kindes zu sitzen. Allerdings gibt es dazu im Text keinerlei Anhaltspunkte. Allein schon "your burning eyes cause flames to arise" passt nicht mal ansatzweise zu einem Kind.
Vielleicht hatte Martin die IDEE zu diesem Song, während er am Bett seiner ältesten Tochter saß, (die noch ein Baby war, als er den Song schrieb), der Text veränderte sich dann jedoch später. Zeilen wie "only you exist here" oder "living on your breath" könnten auch ambivalent gesehen werden und dazu passen, wie man am Bett eines Kindes sitzt und es beobachtet, während es schläft, wie es atmet. In diesem Moment ruht die Konzentration ausschließlich auf dem Kind. Vielleicht verband er diese Erfahrung mit einer BDSM-Situation, die ganz ähnlich ist, da die Konzentration des "Subs" (Sklaven) voll und ganz auf den "Top" (Master) gerichtet ist, jede Bewegung registrierend und auf jedes Wort achtend (hanging on your words).



In Your Room

(In Your Room - mit freundlicher Genehmigung von © Wojciech Welc)



Am 09.02. begann der nächste Tourabschnitt, diesmal Exotic-Tour genannt. Bis zum 19.04. spielte die Band 28 Konzerte in Südafrika, Australien, Asien sowie Mittel- und Südamerika.
Fletch: "Der Trip nach Südafrika ist uns immer noch in guter Erinnerung. Wir hielten alle Proben in Kapstadt ab und waren sechs Wochen lang im Land."[5]
Doch nicht alles an dem Aufenthalt dort war toll.
Im Februar wurde Alans Garderobe gestohlen. "Da das Gebäude verschlossen und von Securityleuten überwacht wurde, kamen wir zu dem Schluss, dass es sich um einen 'Insider Job' gehandelt haben muss. Ich verlor Garderobe im Wert von L10.000, einige sehr persönliche Gegenstände und natürlich meine Bühnenoutfits, die nachgemacht werden mussten."
Er selbst musste sich im gleichen Zeitraum operativ Nierensteine entfernen lassen.
Man war sich wegen der zweiten USA-Tour, die nun noch drangehängt werden sollte, uneins. Die Meinungen darüber gingen weit auseinander und brachten eine zusätzliche Spannung hinein.
Zu denen, die eine Fortsetzung der Tournee befürworteten, gehörte auch Alan. "Die zweite USA-Tour sollte in Outdoor-Arenen stattfinden und ein ganz anderes Publikum anziehen als bei den Hallenkonzerten. Auch Dave wollte gern einen weiteren Abschnitt spielen, und die anderen wehrten sich nicht wirklich dagegen."
Zu der späteren widersprüchlichen Aussage, er habe keine Lust mehr auf Tourneen, und auch zu dem Gerücht, dass er diesen zweiten USA-Leg nur gewollt habe, weil er wusste, dass es das Letzte sein würde, was er mit der Band machen würde, sagt er: "Ich ging nicht davon aus, dass dies das letzte Mal sein würde, dass ich auf Tour gehe, denn ich beschloss erst 18 Monate später, die Band zu verlassen."[6]
Allerdings sagte er ja auch mal, er habe während der Aufnahmen zu SOFAD, bzw. während der Devotional, angefangen, darüber nachzudenken, die Band verlassen zu wollen. Aber wie schon gesagt, es wird sich dabei um einen Prozess gehandelt haben, sodass er es wohl so meint, dass er darüber nachgedacht, aber keine Entscheidung getroffen habe.

Angeblich sollen sich Dave und Alan bei Martin darüber beschwert haben, dass Fletchs Depressionen unerträglich geworden seien.
Martin: "Es war sehr schwierig. Andy ist mein engster Freund, seitdem wir 12 waren, aber für die anderen war er nicht mehr zu ertragen. Ich redete mir ein, dass es besser für Andy war, nach Hause zu gehen und sich in professionelle Behandlung zu begeben."
Doch Fletch wollte auch nach Hause, hatte genug von der Tour. So wurde im März entschieden, dass Fletch aussteigen und für den Rest der Tour auf der Bühne durch den langjährigen Freund und Begleiter der Band, Daryl Bamonte, ersetzt werden sollte.
Fletch: "Die Pflichten, die Fristen, die Partys und Exzesse - ich konnte einfach nicht mehr. Ich litt unter zwanghaftem Fehlverhalten. Den Stress verdrängte ich, indem ich mir Krankheiten einbildete. Es klingt schrecklich, aber ich dachte wirklich, ich hätte einen Gehirntumor. Ich konnte nicht schlafen. Ich konnte nicht denken, weil die Kopfschmerzen nie weggingen. Dann ließ ich Tests machen. Es war kein Gehirntumor, sondern ein Nervenzusammenbruch."[7]
Angeblich soll Fletch die Tour mit den Worten verlassen haben, er würde nie wieder mit Alan auf Tournee gehen. Das Zitat wurde so nie bestätigt, und es ist unklar, ob er sich dabei auf einen speziellen Vorfall bezog, der nie erwähnt wurde, oder ob er Alan, möglicherweise aufgrund seiner Krankheit, ganz allgemein als besonders anstrengend empfand.
Alans spätere Andeutung: "Es gibt Dinge, die besser im Dunkeln bleiben",[8] in Bezug auf eine Biografie, könnte ein Hinweis auf solche der Öffentlichkeit nicht bekannten Vorfälle sein.

Die anderen bemühten sich weiterhin darum, so zu tun als sei alles in Ordnung. So antwortet Dave auf die Frage, wie es der Band ginge, mit "Sehr gut." Erst nach einigem Nachhaken erklärt er: "Andy wird den Rest der Tour nicht mehr mit uns spielen. Er ist im Moment in New York. Es geht ihm nicht gut, und seine Frau erwartet ihr zweites Kind, und er muss einiges auf die Reihe kriegen, daher wird er nicht dabei sein.[9] Es ist wohl nicht gut für ihn, zu lange von den Menschen getrennt zu sein, mit denen er eigentlich zusammen sein will."[10]
(Fletchs und Grainnes Sohn Joseph wurde am 22.06. geboren.)
Alan: "Während alle anderen am Strand in der Sonne lagen und eine wohlverdiente Pause genossen, verbrachten Daryl und ich eine Woche in einem Hotelzimmer, in dem ich ihm seine Parts beibrachte. Er spielte sie für den Rest der Tour perfekt - ziemlich gut, wenn man bedenkt, dass er zuvor kaum jemals Keyboard gespielt hatte."[11]
Dies kann man durchaus als kleine Spitze gegen Fletch verstehen, und vielleicht waren es Bemerkungen wie diese, die Fletch Alan als unerträglich empfinden ließen.


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So startete am 12.05. der letzte Teil der Tour mit dem Konzert in Sacramento - ohne Fletch. Insgesamt wurden noch mal 34 Konzerte gespielt.
Gerüchten zufolge sollen die Beziehungen immer schlechter geworden sein, Meetings sollen in Handgemengen geendet haben (wenngleich die genauen Gründe dafür nie wirklich benannt wurden) und Dave soll einem Journalisten völlig stoned in den Hals gebissen haben.
Keine Gerüchte waren die separaten Limousinen und Hotelstockwerke.
"Das war auch notwendig, denn die Partys wurden immer wilder",[12] bestätigt Martin. So wie die Aftershowparty in Berlin, die mit einer Polizeirazzia und einem Bann vom Intercontinental endete. "Wir haben es übertrieben. Aber es ist schwierig auf unserem Level, sich nur auf ein paar Konzerte zu beschränken. Ich denke, die 30 oder 40 Extrakonzerte haben das Fass zum Überlaufen gebracht." (lacht)
Fletch: "Die Partys erreichten ein neues Level. Es wurde schlimmer und schlimmer und schlimmer, bis es am Ende eine einzige riesige Party war. Jede Nacht. Martin sagt, er ist auf der ganzen Tour nur einmal früh ins Bett gegangen."
Martin: "So gegen Mitternacht. Man kommt nicht vor halb 11, 11 von der Bühne, und wenn man es schafft, um 12 im Bett zu sein, hat man echt was erreicht."[13]

Alan: "Was man über die Tour gehört hat, ist so ziemlich alles wahr. Jeder war mit seinem eigenen Kram beschäftigt, manchmal mit destruktiven Auswirkungen, aber das ist alles Teil dessen, wie man persönlich mit einer so bizarren und unwirklichen Welt umgeht. Natürlich waren alle wegen Daves Gesundheitszustand besorgt, aber man kann Abhängige nicht dazu bringen, etwas zu ändern, solange sie es nicht selbst ändern wollen. Zu dieser Zeit war Dave dazu nicht bereit und daher stieß jeder, der ihm einen Rat gab, auf taube Ohren. Neben all diesen Dingen gab es aber auch viele gute Momente. Es war die erfolgreichste Tour mit einigen der besten Konzerten, die wir je gespielt haben. Ich persönlich kann das Theater deswegen nicht verstehen - ich hatte eine großartige Zeit. Die Mythen, die sich um den zweiten USA-Leg herum aufgebaut haben, scheinen völlig außer Kontrolle geraten zu sein. Es war nicht mehr Rock 'n' Roll als jede andere DM-Tour im Laufe der Jahre - jeder hatte seine eigene kleine Tour-Welt, die neben einer absolut professionell organisierten Live-Show existierte."[14]
Dave: "Wir entdeckten, dass wir dieses Mal viel mehr Freude daran hatten, zusammenzuspielen, als jemals zuvor. Wir zentrierten alles etwas mehr und beschlossen, auf der Bühne nicht mehr so separiert voneinander zu agieren. Wir wollten etwas von der Theatralik loswerden und die Shows nicht mehr so abspulen. Ich denke, im Moment haben wir eine Menge Spaß. Ich denke, wir haben gerade mehr Spaß auf der Bühne, als wir jemals hatten. Alles ist jetzt viel organischer und energischer."[15]

Ich denke nicht, dass das eine bloße Phrase war. Devotional hatte ganz einfach mehrere Gesichter - die Ausschweifungen, das Leiden, den Spaß, die großartige und professionelle Show.
Im Laufe der Zeit litt Daves Erscheinungsbild jedoch immer mehr unter seinem Drogenkonsum, sodass er mitunter ein Bild des Jammers bot, wenn er zugedröhnt und bis auf die Knochen abgemagert mehr über die Bühne torkelte als tanzte. Dennoch muss man sagen - vor allem, wenn man sich Bootlegs aus dieser Zeit anhört - dass die Konzerte fantastisch waren. Einige Leute sagen, dass auch Daves Stimme unter dem Drogenkonsum litt, aber ich kann dem nicht zu 100% zustimmen. Das Set der Exotic-Tour war sehr energisch, dynamisch und bot viele sehr gute Liveversionen, in deren Klangbild sich Daves Stimme durchaus einfügte, sich nur ab und an etwas angestrengt oder flach anhörte.



Judas

(IF - Is simplicity best or simply the easiest ... Mit freundlicher Genehmigung von © Laura Bâlc)



Am 08.07.1994 hatte der Irrsinn ein Ende. Zumindest was die Tour betraf. Ob Dave von der Bühne fiel oder Stagediving betreiben wollte, ist unklar, jedenfalls stürzte er während der Zugabe auf das Absperrgitter, brach sich zwei Rippen und erlitt innere Blutungen. Er war so betrunken und stoned, dass es 24 Stunden dauerte, bis er wusste, was ihm da passiert war. Er sollte ein paar Tage im Krankenhaus bleiben, was er aber nicht wollte. Stattdessen mieteten er und Theresa eine kleine Hütte am Lake Tahoe in Kalifornien. Erstaunlich ist, dass dies exakt beim letzten geplanten Konzert passierte, sodass deswegen kein Gig abgesagt werden musste.
Es ist unbekannt, ob der Rest der Band überhaupt wirklich mitbekam, was mit Dave passiert war. Sie amüsierten sich mit einigen Letztes-Konzert-Scherzen - "Jez Webb - der Gitarrentechniker - tauchte zu meinem Erstaunen während Somebody aus meinem Klavier auf", erzählt Alan. "Ein anderes Highlight war, als jemand während eines dramatischen Moments als Putzmann verkleidet auf der Bühne erschien und den Boden zu wischen begann." - und sie hatten "die Ende-der-Tour-Party in der St. Andrew's Hall in Detroit, die alles beinhaltete, was typische Depeche-Mode-Partys im Laufe der Zeit als Standard angesammelt hatten - spärlich bekleidete Mädchen, erotische Tänzer(innen), Martin als Frau verkleidet ..."[16][17]

Über die Gründe, warum es überhaupt zu diesem extremen Dauerexzess (und vor allem zu den anscheinend massiven Streitereien) kommen konnte, findet man bei den Bandmitgliedern nur wenig überzeugende Aussagen. Von "dass man es eben übertrieben hatte und dann nicht mehr aufhören konnte" oder "eine Rockband ist eben kein Kirchenchor" ist da die Rede.
Viele Fans sehen es ebenfalls als einen "normalen Teil des Musikbusiness" an oder meinen, dass es ganz einfach zum "Zeitgeist gehört" habe. "Da wurde es richtig schick für manche, sich völlig wegzubeamen. Dazu die Grunge-Ära, absoluter Nihilismus war hip." Tatsächlich muss man festhalten, dass Grunge nicht Schmerz, Leid, Drogen und halb tot sein bedeutete. Es bedeutete auch nicht, dass man für seine Kunst starb. Wenn diese Bands eine Bühne betraten, dann hatten sie nur eins im Sinn: Spaß. Vielleicht eine sehr egoistische und zerstörerische Form von Spaß, aber Spaß.
Die meisten Fans sehen jedoch im Erfolg den Grund, warum die Band den Boden unter den Füßen verlor, dass man nach dem enormen Erfolg von Violator (vielleicht auch schon nach 101) nicht so recht gewusst hatte, wohin man das Schiff jetzt steuern sollte.

Nun gehört aber noch einiges mehr dazu, um den Boden unter den Füßen zu verlieren, auch für einen Rockmusiker, also einen Menschen mit einem extremen Beruf, außergewöhnlichem Lebensrhythmus und der steten Verlockung durch Alkohol und Drogen ausgesetzt. Doch gerade Dave zeigt heute, dass man mit entsprechender Disziplin sehr wohl diesem Beruf nachgehen kann, ohne deswegen ein Alkoholiker oder Junkie sein zu müssen. Und die "Jungs" waren zur Devotional auch nicht mehr Anfang 20, sondern Familienväter um die 30, also einigermaßen "reif und erwachsen".
Somit wäre "ich habe eben mitgemacht, weil alle es gemacht haben", eine ziemlich billige Ausrede. Nicht nur Dave wollte "diesen egoistischen Lebensstil führen", die anderen wollten es genauso, sonst hätte sich wenigstens einer davon distanziert. Ich denke, Fletch hat es zumindest versucht, wenngleich es ihm durch seine Krankheit nicht möglich war. Bleiben die beiden übrig, die an sich alle Sinne beisammen hatten: Alan und Martin. Welche "Ausrede" haben die beiden eigentlich?
Alan sagt über die Devotional erstaunlicherweise, er habe seinen Spaß gehabt. Obwohl er gar nicht so aussah. Auf Bildern und Videos wirkte er häufig verbissen und "angepisst". Was denn nun? Fand er es nun schrecklich oder hatte er seinen Spaß? Vermutlich trifft beides zu. Wenn man intensiv an einem Projekt arbeitet, gibt es daran immer etwas, was einem Spaß macht, und etwas, was man nicht mag oder worunter man sogar leidet. Eine Welttournee ist ein spezielles Ereignis, bei dem man sich wahrscheinlich auch für vieles blind macht.
Wie auch immer - einige Fans vermuten private Probleme hinter der "Explosion", eine "nahe an den 30 Krise", "kein Rückhalt in den Familien oder durch echte Freunde", die etwas Vernunft hätten hineinbringen können, "kein Zusammenhalt innerhalb der Band", "mangelhafte Kommunikation" - oder wie es ein Fan auf den Punkt brachte: "Sie hatten vielleicht gehofft, ihre persönlichen Probleme auf der Tour verdrängen zu können, aber es lief 'Wrong'." Das könnte durchaus zutreffen - wie schon gesagt, vielleicht hatten sie gedacht, der Teamgeist würde auf der Tour zurückkehren.



Walking in my shoes

(Try walking in my shoes - mit freundlicher Genehmigung von © Alatryste - Alatryste on Facebook) )



Auf die Frage, wie lange es gebraucht habe, bis er nach der Devotional-Tour in den normalen Alltag zurückgefunden habe, antwortet Martin: "Ich habe nicht sehr lange gebraucht. Ich habe ein paar schlechte Gewohnheiten auf dieser Tour entwickelt. Ich habe jeden Tag Schlaftabletten genommen, und als ich nach Hause kam, hatte ich noch ein paar übrig, die mir ein paar Tage guten Schlaf gaben ... Schlaf ist ein Schlüssel zum Glück." (lacht) "Danach hatte ich keine Tabletten mehr, und ich war wieder normal."[18]
Dave: "Gar nicht. Ich habe nur mit Drogen funktioniert, ohne sie konnte ich mich nicht mal bewegen. Ich kam von der Tour zurück, und ich habe keine Musik gespielt, hab nicht mehr gesungen, sondern war voll auf Droge."[19]
Fletch: "Ich war emotional so belastet nach der Tour - und deshalb habe ich auch den Rest der Tour nicht mehr mitgemacht. Ich denke, wir haben uns alle zu sehr unter Druck gesetzt und alle darunter auf verschiedene Art gelitten."[20]

Und auf die Frage, ob sie untereinander in Kontakt geblieben seien, antwortet Martin: "Weil Dave nach Amerika zurückging, haben wir ihn nicht viel gesehen und telefonierten auch nicht viel. Vielleicht nicht so viel, wie wir hätten sollen. Wir sprachen auch nicht mit Alan. Wir waren darauf vorbereitet, dass er gehen würde. Wir haben das schon Monate zuvor gespürt. Andy und ich sehen uns dauernd, weil wir die gleichen Freunde haben, und wenn ich in London bin, treffe ich Andy dauernd."[21]
Dave: "Nicht wirklich. Aber niemand ist dafür zu beschuldigen, weil das auf Gegenseitigkeit beruht. Das einzige Mal, dass ich mal was von jemandem hörte, war, als ich mich selbst verletzte und das in die Presse kam. Dann rief mich Martin an oder ich ihn. Ich bekam einen Anruf von Alan, als er beschloss, dass er gehen wollte, aber ich habe darauf nicht wirklich reagiert, weil ich nur mit Drogen beschäftigt war."[22]

Während Martin im August Suzanne heiratete, trennte Alan sich von seiner Frau Jeri und fuhr gemeinsam mit seiner neuen Partnerin Hepzibah Anfang September in die Ferien und wäre beinahe ums Leben gekommen. "Ich war in Schottland auf der A85 in der Nähe von Lochearnhead. Als ich in eine scharfe Kurve bog, hörte ich das Geräusch eines RAF [Royal Air Force] Tornados hinter mir, und als ich aufsah, sah ich die Unterseite eines Flugzeugs, ganz dicht über mir. In der nächsten Sekunde krachte das Flugzeug zu Boden. Als ich in einen Feldweg abbog, hörte ich eine enorme Explosion. Rauch und Trümmerteile hüllten mich ein. Zugleich regnete es Carbonteile in mein Cabrio. Ich konnte sehen, dass die Straße mit Wrackteilen und Teilen der Körper der beiden toten Piloten übersät war. Nachdem die Polizei eingetroffen war, beschloss ich, zu gehen, weil es nichts mehr zu tun gab. Erst da wurde mir klar, was ich gesehen hatte und dass ich knapp dem Tod entronnen war. Wenn ich nur 10 Sekunden schneller gewesen wäre, wäre ich vermutlich getötet oder schwer verletzt worden."[23]
Später fügt er hinzu, dass er deswegen noch immer Albträume habe. "Am meisten getroffen hat mich, dass auf eine solche Tragödie die Banalität des normalen Lebens folgte. Da lagen diese beiden toten Piloten auf der Straße, in Stücke gerissen, und die Sonne schien, die Vögel sangen, und es gab keine Musik ..."[24]
Er schrieb den Song Black Box, der 2000 auf dem Album Liquid veröffentlicht wurde, über dieses Thema.
Es ist möglich, dass dieses Ereignis ein weiteres Puzzleteil war, das zu seiner Entscheidung führte, die Band zu verlassen. Ereignisse wie diese zeigen einem oft, dass es noch viele andere wichtige Dinge im Leben gibt, als ausgerechnet Musik mit einem recht schwierigen Team zu machen.
(Übrigens - 2013 bot er den Wagen, den er an diesem Tag gefahren hatte, zum Kauf an.)


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In der Zwischenzeit verlor Dave mehr und mehr die Kontrolle über sein Leben. "Nach der Devotional verbrachte ich ein paar Monate in London, und da glitt mir alles aus den Händen. Theresa wollte ein Baby, und ich sagte zu ihr: 'Theresa, wir sind Junkies. Wenn man ein Junkie ist, kann man nicht sch*****, nicht p*****, nicht kommen. Diese ganzen Körperfunktionen funktionieren nicht mehr. Man befindet sich in einem seelenlosen Körper.' Aber sie hat das nicht verstanden. Und in L.A. - ich war so paranoid, ich hatte immer eine 38er dabei. Ich hatte vor allem und jedem Angst. Ich dachte, sie würden kommen und mich holen. Wer auch immer 'sie' waren. Da fing ich an, mit der Idee zu spielen, mir den Goldenen zu setzen. Mich direkt in den Himmel zu schießen. Verschwinden. Aufhören. Ich wollte aufhören, ich selbst zu sein, ich wollte aufhören, in diesem Körper zu leben. Ich hasste mich selbst so sehr für das, was ich mir selbst und allen anderen um mich herum antat."
Schließlich unterband seine Ex-Frau Joanne die Besuche des gemeinsamen Sohnes.
"Wenn er kam, um mich zu besuchen, war ich in der Lage, für eine Weile mit dem Fixen aufzuhören und mich zusammenzureißen. Aber es kam zu einem Punkt, an dem ich so krank war, dass ich meine Mum in England anrief und sagte: 'Mum, Jack kommt in ein paar Tagen zu mir, und ich habe eine schreckliche Grippe. Ich schaffe das nicht allein, kannst du herkommen?' Sie kam, und ich bemühte mich - am Morgen aufstehen, ihm sein kleines Frühstücksei machen, versuchte, Vater zu sein."
Er setzte sich eines Nachts dann aber doch einen Schuss und dosierte über. Als er aufwachte, waren seine Mutter und sein Sohn in der Küche - und sein Stoff war weg.
"Ich fragte: 'Was hast du mit meinem Stoff gemacht, Mum?' Sie sagte: 'Ich habe ihn in den Müll geworfen.' Ich rannte raus und holte sechs Müllsäcke rein. Kannst du dir diesen Irrsinn vorstellen? Ich mit meinem Sohn und meiner Mum - und ich brachte sechs Müllsäcke rein, fünf davon gehörten meinen Nachbarn, und ich kippte sie auf dem Küchenfußboden aus, kroch auf Händen und Knien herum, bis ich gefunden hatte, was ich brauchte."

Nun konnte er es nicht mehr länger verleugnen. Seine Mutter rief Joanne an, die daraufhin kam und Jack abholte. Um Weihnachten herum ging er zum ersten Mal in eine Entzugsklinik.
"Als ich rauskam, traf ich Theresa. Wir gingen Mittagessen, und sie sagte: 'Ich werde nicht aufhören, zu trinken oder Drogen zu nehmen, nur weil du das tust. Ich werde tun, was ich will.' Da wusste ich, unsere Beziehung musste zu Ende sein, wenn ich eine Chance haben wollte. Ich dachte, wir würden uns lieben. Jetzt denke ich, dass die Liebe sehr einseitig war. Sie verließ mich bald darauf, um ihr Leben auf die Reihe zu bekommen, wie sie sagte. Sie sagte immer: 'Es hängt alles von dir ab, Dave - du musst dich nur selbst lieben.' Nun, ... jetzt hat sie mich auf eine lächerliche Summe Geld verklagt, behauptet, ich wäre für ihr Leben verantwortlich."[25]
Er fiel schon bald in alte Gewohnheiten zurück. "Ich hatte die perfekte Entschuldigung, auszugehen und noch schlimmer zu werden. Meine Frau hatte mich verlassen, Freunde verschwanden, und ich blieb mit einem Haufen Junkies zurück. Ich wusste genau, was passierte. Ich hatte das Geld, ich hatte die Drogen, und deshalb waren sie da. Ich wusste es, und das hat mich noch wütender gemacht. Ich wusste nicht, ob ich clean werden wollte. Es war aber klar, dass die Party bald vorbei sein würde. Entweder ich würde sterben oder clean werden."[26]






Quellenangaben:
[1] Entnommen aus: The Singles 86-98 by Martin Gore, Bong 37, September 1998. Autor: Martin Lee Gore. Zusammengestellt von Michaela Olexova.
[2] Entnommen aus: Just Can't Get Enough, Uncut, Mai 2001. Autor: Stephen Dalton.
[3] Entnommen aus: The Singles 86-98 by Martin Gore, Bong 37, September 1998. Autor: Martin Lee Gore. Zusammengestellt von Michaela Olexova.
[4] recoil.co.uk
[5] Entnommen aus: Masters Of Their Universe, The Times, 03.05.2009. Autor: unbekannt.
[6] recoil.co.uk
[7] Entnommen aus: They Just Couldn't get Enough, Q, März 1997. Autor: Phil Sutcliffe.
[8] recoil.co.uk
[9] Entnommen aus: Modern Rock Live, 10.05.1994, Radiosendung. DJ: Tom Calderone.
[10] Entnommen aus: Future Unknown, L.A. Daily News, 21.05.1994. Autor: Mark Brown.
[11] recoil.co.uk
[12] Entnommen aus: Just Can't Get Enough, Uncut, Mai 2001. Autor: Stephen Dalton.
[13] Entnommen aus: Synth and Sensibilities, NME, 25.01.1997. Autor: Keith Cameron.
[14] recoil.co.uk
[15] Entnommen aus: Modern Rock Live, 10.05. 1994, Radiosendung, DJ: Tom Calderone.
[16] recoil.co.uk
[17] Einige Daten und Informationen über Ereignisse auf der Tour wurden entnommen aus: Devotional Diary III, Bong 24, März 1995. Autor: Daryl Bamonte.
[18] Entnommen aus: Catching up with ... Martin, Bong 30, Dezember 1996. Interviewer: unbekannt.
[19] Entnommen aus: Catching up with ... Dave, Bong 30, Dezember 1996. Interviewer: unbekannt.
[20] Entnommen aus: Catching up with ... Fletch, Bong 30, Dezember 1996. Interviewer: unbekannt.
[21] Entnommen aus: Catching up with ... Martin, Bong 30, Dezember 1996. Interviewer: unbekannt.
[22] Entnommen aus: Catching up with ... Dave, Bong 30, Dezember 1996. Interviewer: unbekannt.
[23] Entnommen aus: Near Miss, Bong 22, September 1994. Autor: Alan Wilder.
[24] Entnommen aus: Just Can't Get Enough, Uncut, Mai 2001. Autor: Stephen Dalton.
[25] Entnommen aus: Tears of my Tracks, Q, März 1997. Autor: Phil Sutcliffe.
[26] Entnommen aus: Dead Man Talking, NME, 18.01.1997. Autor: Keith Cameron.



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